„Wir wollen ein Zeichen setzen gegen sexuelle Gewalt an Schutzbefohlenen in der Kirche, wie können Sie dazu beitragen, fällt ihnen etwas ein?“ Lautete die Anfrage aus dem Ordinariat der Erzdiözese München und Freising im Sommer 2019. 

Da musste ich nun doch erst einmal schlucken. Das Thema schien mir schwierig und unzugänglich. Wie kann man auf sinnvolle Weise „ein Zeichen setzen“ gegen diese Art von Verbrechen?

Nach vielen Tagen der Reflexion kam mir dann die „Oratio Jeremiae“ in den Sinn. Das „Gebet des Propheten Jeremia“ singen wir Jahr für Jahr am Karsamstag in der Trauermette. 

Im Angesicht der zerstörten Stadt Jerusalem betet der Prophet um die Bekehrung seines Volkes. Der erschütternde Text verbindet die Beschreibung des katastrophalen Zustands der Heiligen Stadt.

Neben vielen anderen Gräueltaten bringt der Prophet Jeremia eben auch die Gewalt an Minderjährigen ins Gebet: „adolescentibus impudice abusi sunt“ – die jungen Menschen sind schamlos missbraucht. So macht seit Jahrhunderten das Gebet der Kirche auf dieses Verbrechen aufmerksam. Die „Oratio“ endet mit dem eindringlichen Aufruf zur Umkehr: „Jerusalem, convertere ad Deum tuum“ – Jerusalem, bekehre dich zu deinem Gott.

Das „Zeichen“ war also schon da, aber man müsste es herausheben und hörbar machen.

Es brauchte einen Komponisten, der sich dem Text annimmt. Mathias Rehfeldt ist in erster Linie Filmkomponist –hat seine Wurzeln aber in der Chor- und Kirchenmusik. Nach einer intensiven Phase der gemeinsamen Reflexion lagen schließlich die ersten Entwürfe vor. Schließlich konnte der junge Komponist den Auftrag vom Kulturmanagement der Erzdiözese München für sich entscheiden.

Entstanden ist „Oratio“, ein kraftvolles Werk für Chor, Solisten und Orchester. Das musikalische Gebet entwickelt sich aus ruhigen, mystischen Passagen und mündet in einem intensiv mitreißenden Finale. Der Beginn des Stückes ist übrigens ein wörtliches Zitat aus den Trauermetten im Dominikanischen Choral.

Die Uraufführung sollte im Rahmen der Langen Nacht der Musik schon im April 2020 stattfinden – doch dann kam Corona.

In der Nacht vom 14. Oktober 2020 haben sich schließlich 54 Musiker auf dem großen Platz unter der Kuppel der Theatinerkirche verteilt und –unter Einhaltung der vorgegebenen Abstandsregeln- die „Oratio Jeremiae“ eingespielt. Entstanden ist die größte Uraufführung in der Theatinerkirche seit dem zweiten Weltkrieg -als Videoproduktion. 

Wir hoffen, dass unsere „Oratio“ in dieser für viele Menschen belastenden Zeit zu einer willkommenen kleinen musikalische Geste aus der Theatinerkirche wird!

Das Stück ist ab Freitag, 27. November, 18.00 Uhr zu erleben unter:

https://youtu.be/TReD-c4–fc